"Wir sind nicht für das Wohlverhalten der Jugendlichen im Quartier

                                       zuständig - sondern Ihrem Wohbefinden verpflichtet"

                                                   (Altes Credo der Offenen Jugendarbeit)

 

Wer etwa Nachmittags einmal Eltern im Freundeskreis die Frage stellte, wo denn deren Kinder und Jugendliche gerade seien, der hörte vielleicht schon einmal als Antwort den Satz: "Ach - die sind gut verräumt, daher habe ich heute Zeit".

Gut verräumt. Das bedeutet - gerade im weitgehend wohl situierten und recht akademisch geprägten Lebensraum einer Stadt wie München, dass die Sprösslinge etwa beim Musikunterricht, im Sportverein, im Nachittagsunterricht oder sonst einer organisierten Freizeitaktivität "gut untergebracht" sind. Der Nachwuchs wird also in unterschiedlichen Formen pädagogisch angeleitet, betreut und nicht zuletzt - beschäftigt.Wie Erwachsene es seit den 70ern fomulierten: "Sie sind von der Strasse weg".

Alle Kinder und alle Jugendlichen? Nein. natürlich nicht. Da gibt es ja auch noch welche, die nicht in einer Welt der klaren und gut refinanzierten Strukturierung aufwachsen. Mit Eltern, die eben nicht stringent für Beschäftigung, allgmeinbildene Maßnahmen bis Zeitvertreib sorgen können oder wollen. Nicht zufällig kommen dann bisweilen ein paar Faktoren zusammen, die schulische Bildung steht vielleicht nicht gar so bedeutend im Vordergrund, Lernorte sind zu Hause kaum zu schaffen. Die Eltern sind möglichweise (aber nicht zwingend) vor vielen Jahren oder auch erst kürzlich nach Deutschland zugewandert, haben viel für wenig Geld arbeiten müssen und eine wirkliche Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe blieb vielleicht - wenn einst überhaupt angestrebt - Utopie.  Kurz - die Nachkommen haben auf vielen Ebenen - for reasons - nicht ansatzweise Zugang zu dem - zumindest vermeintlich - "guten Leben" des gut und besser verdienenden Mittelstandes unserer Landeshauptstadt.

Wir erzählen da nichts Neues?

Stimmt. All das ist soziologisch, interdisziplinär auch mit der Sozialen Arbeit und vor allem fundiert recht gut untersucht, alleine der jährliche "Armutsbericht der Stadt München" ist hierzu stets eine Lektüre wert. Man darf ergo schon fast von "Binsenweisheiten" sprechen.  

Aber gibt es da nicht noch die Soziale Arbeit und Sozialpädagogik in Sozialraumorientierung? Die sich beispielsweise mit Steuergeldern in Jugendzentren der verschiedenen Träger*innen darauf spezialisiert hat, Kinder und Jugendlichen nach bestem Wissen und gut ausgestattet Räume und Freizeitangebote zur Verfügung zu stellen? Also den jungen Menschen, die eben an den oben angesprochenen Formen der elternorganisierten Freizeitgestaltung nicht beteiligen können oder wollen?

Stimmt auch. Die gibt es - und das ist sehr gut so. Auch wir als Erzbischöfliches Jugendamt betreiben - wie etwa in Neuperlach oder das Jugendhaus Schwabing - mit gutem Erfolg und passgenauen Angeboten eben solche Jugendzentren.

Aber dann wären ja da noch ene nicht unerhebliche Anzahl an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die als schwer erreichbar gelten dürfen und eben auch an diesen dedizierten Orten im Quartier nicht oder kaum inkludierbar sind. Da dieser Text weder eine wissenschaftliche Abhandlung noch eine statistische Auswertung darstellen soll, wollen wir es bei der sehr wagen Aussage belassen - es gibt ihrer viele, männlich wie weiblich wie divers.

Es sind diejenigen, die entweder als unsichtbar gar nicht, oder sichtbar als eher störend wahrgenommen werden. Sie sind häufig stigmatisiert mit Fachwörtern wie delinquent (straffälliges Verhalten). Schule hatte vielleicht keinen oder nur negativen Stellenwert, Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit ist ein immanentes Problem; der stete Konsum von Cannabis und/oder Suchtmitteln chemischer Natur ist "daily business".  Der individuellen Armut werden geldbringende  Coping Strategien (Bewältigungsformen) entgegengesetzt, die wenig gesellschafltiche Akzeptanz haben. Kleinkriminalität sorgt für häufige Konflikte mit der Exekutive, die strukturbedingte Langeweile befördert gar aggressives Verhalten - vor allem auch in der Öffentlichkeit.

Und nun? Wir könnten dieses Herausforderung in letzter Konsequenz der Polizei und der Legislative und deren Judikative überlassen.

Oder wir nehmen einen bescheidenen Teil dieser Verantwortung an und versuchen uns am "Tropfen auf dem heißen Stein". So, wie es auch die Landeshauptstadt mit ihren Aussenstellen des Streetwork in ausgewählten Sozialräumen und Quartieren der Stadt bereits seit Jahren unternimmt.

  • Wir wollen nun - vor allem mit unserem Wohnmobil - dahin gehen (oder fahren), wo sich die (natürlich stark verkürzt) beschriebenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufhalten. also raus, raus in die hood.
  • Wir wollen da sein, für alle, die uns ansprechen und möglichweise um Hilfe bitten wollen. Oder auch nicht. Oder auch nur für einen Moment einen warmen (oder kühlenden) Aufenthaltsort zur Verfügung stellen.
  • Wir wollen - nach unseren Möglicheiten - Veranstaltungen und events organisieren.
  • Wir wollen im Netzwerk mit allen erdenklichen Akteur*innen unsere Energie und auch Austattung zu Verfügung stellen und zusätzliche Kapazitäten aktivieren
  • Wir wollen nicht mit anderen Anbietern Sozialer Arbeit konkurrieren - diese Stadt und dieses Quartier - München Haidhausen und Au (district five) bietet uns allen genügend Möglichkeiten, uns der Arbeit mit der Zielgruppe zu widmen.

Die Soziale Arbeit ist für uns  Menschenrechtsprofession. Wir sehen nicht plakativ eine "Jugend in Schwierigkeiten", sondern Jugendliche und Junge Erwachsene in all ihrer Diversität und Bandbreite, mit ihren Hindernissen und mit ihren unglaublichen Resourcen. Ohne Ansehen ihres Auftritts und Verhaltens - kurz, sie müssen sich nicht erst "ändern", um von uns akzeptiert zu werden.

Suchen wir sie auf, auf das sie ihren Weg durchs Leben - vielleicht mit einer kleinen Hilfestellung - selbst finden können! Sorgen wir mit dafür, das sie sich als Menschen wie wir alle wohlfühlen können und dürfen.